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Loch 7: der Trabbi
In deutschen Großstädten schwingen junge Sportler den Schläger überall, nur nicht auf dem grünen Rasen.
Eine Gruppe hat in Berlin ein altes Brauereigelände für sich entdeckt. Dort landen Bälle auch im Autowrack

VON LENA BAUER
Berlin Schauplatz ist eine alte Brauerei in Berlin. Überall liegen Scherben von Flaschen und zerbrochenen
Fensterscheiben. Die roten Mauern sind mit Graffiti besprüht. Büsche und Unkraut überwuchern das Gelände.
Plötzlich fliegt ein gelber Golfball durch ein offenes Tor in eine Halle, gleich darauf ein roter, dann noch einer und noch einer. Fünf junge Männer und zwei Frauen kommen mit Golfschlägern in der Hand hinterher und suchen in dem Gerümpel nach ihren Bällen. Das Ziel ist eine alte Abzugshaube in der Ecke der Halle. Schutthaufen, verrostete Tonnen, klapprige Stühle und andere Hindernisse erschweren den Weg dorthin. „Achtung, ich schlage“, ruft der 25-jährige Stephan. Der Ball fliegt gegen die Wand und springt wie beim Squash wieder zurück, die Abzugshaube verfehlt er knapp.
Die Gruppe spielt Golf. Crossgolf. Fernab von grünen Plätzen, ohne Caddies und Handicap pflegen die jungen Golfer den Sport in einer modernen, urbanen Art. „Golf ist großartig“, sagt die 27-jährige Eve. Bei einem Schnupperkurs im Rahmen eines Geschäftsausflugs war sie erstmals mit dem Sport in Kontakt gekommen. „Aber diese ganze Etikette, die Kleiderordnung, all diese Rund-um-glücklich-Regeln, das ist nicht meins.“
Anstatt dieses „dressierte Golf“ weiterzuverfolgen, ist Eve vor einem Jahr zum Crossgolf gekommen. Die Atmosphäre, sagt sie, sei einfach lockerer: „Wir lachen viel und haben Spaß.“ Doch ginge es nur um Spaß, könnte sich die Gruppe auch auf dem Minigolfplatz vergnügen.
„Wir suchen immer neue Herausforderungen“,sagt Stephan. Der Krankenpfleger hat die „Capital Crossgolfer“ im vergangenen Jahr ins Leben gerufen.
Ein „Loch“ hat beim Crossgolf die unterschiedlichsten Gestalten: Die Gruppe legt vor jeder Runde die Ziele fest. „Loch 6“ war das Dach der Fabrikhalle. Vom Dach herunter spielte sie auf „Loch 7“, den Trabbi. Im Trümmerhaufen muss Eve (vorne links) ihren Ball erst wieder finden, bevor sie „einlochen“ kann. Foto: Lena Bauer
Das alte Brauereigelände ist momentan ihr Lieblingsspielort.
Doch sie spielen auch im Park, auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof oder einem Ikea- Parkplatz.
„Schwieriger als normales Golf“, beschreibt Stephan die Cross-Variante aufgrund der ständig wechselnden Untergründe und Bedingungen.
Das nächste Ziel ist das Dach des Brauereigebäudes.
„Anfangs habe ich die Bälle einfach nicht raufbekommen“, erzählt Eve. „Das war frustrierend.“ Sie habe schnell Ehrgeiz entwickelt und viel geübt. Die Mitspieler gaben ihr Tipps, einiges hat sie sich auch auf Youtube-Videos abgeschaut.
Zum Crossgolfen genügt erst mal ein Schläger – der Siebener, sagt der 25-jährige Micha. Doch so nach und nach hat er sich ein komplettes Set zugelegt, inklusive Golftasche. Gebraucht auf Ebay gebe es Schläger sehr günstig. Denn die Kosten sind für die jungen Golfer auch ein Grund, warum sie offizielle Plätze meiden. Clubmitgliedsbeitrag, Ausrüstung, Platzreife – das alles koste viel Geld. Und dazu noch die vielen Regeln. „In meinen Bluejeans bin ich schräg angeschaut worden“, sagt Micha über seinen bislang einzigen Ausflug auf den Golfplatz.
Beim Crossgolf gebe es nur eine wichtige Regel, und die heißt Sicherheit. Sie spielen mit „Almost-Bällen“, die nur ein Drittel des Gewichts echter Golfbälle haben und deshalb deutlich weniger gefährlich seien.
Das Ziel wird vor jeder Runde festgelegt – in der nächsten ist es das Wrack eines Trabbis. Jeder Golfer hat sein kleines grünes Kunstrasenstückchen bei sich, auf das er den Ball für den Schlag legt – um die Schläger zu schonen.
Die Capital Crossgolfer sind eine Stammgruppe von fünf Spielern, die sich unregelmäßig zum Golfen trifft. Neueinsteiger sind jederzeit willkommen.
Peter spielt hier zum ersten Mal. Der 21-Jährige zieht bald von München nach Berlin und will weiter seinem Hobby nachgehen. „Das hier“, sagt er und deutet auf die heruntergekommene Brauereihalle, „verstehe ich unter Crossgolf.“ Der Olympiaberg in München sei dagegen richtig langweilig.
Die Berliner überlegen, sich als Abteilung einem Verein anzuschließen. Doch ob ihr Golfen dann weiter so locker wäre, immer noch ohne feste Regeln auskomme und seine Faszination behalte? Wohl eher nicht, räumt Stephan ein. Auch der halblegale Zutritt zum Gelände – über ein verschlossenes Tor – wäre für einen Verein schwer vorstellbar.

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