Berliner Kurier

von Florian Thalmann
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Die Wildgolfer von Mitte

Der KURIER schaute drei Profi-Spielern beim Einlochen zu
Mitte- Nur langsam versinkt die Abendsonne hinter dem Kanzleramt. Kaum jemand ist zu später Stunde noch auf den großen Rasenflächen unterwegs, auf den am Tag Touristen schlendern. Gut so- zumindest für Stephan Viertel und seine Freunde Lars Müller und Frank Bierstedt. Das hier ist Ihre Wiese, ihr Gebiet.Ihr Golfplatz!
“Crossgolf” nennt sich der Sport, der Sehenswürdigkeiten, stillgelegte Industriebrachen und sogar U- Bahnen zu Spielplätzen macht.”Wir golfen überall”, sagt Viertel (27). “Ohne Löcher, ohne englischen Rasen, ohne Etikette.Wir tragen keine Poloshirts. Und es ist auch nicht schlimm, wenn man dabei Bier trinkt. Viertel selbst ist über Freunde zum Crossgolfen gekommen. Bei einer Spielrunde durch die Stadt ließ er sich infizieren, gründete 2010 die Berliner Mannschaft “Capital Crossgolfer”, zu der bisher elf Spieler gehören. Die Regeln sind einfach: Wer mit seinem Ball ein zuerst ein vorher festgelegtes Ziel erreicht, gewinnt. Heute ist ein Ziel schnell gefunden. “Dort, der Mülleimer bei den Parkbänken”, ruft Viertel. Die weiße Kugel von Lars Müller (22) fliegt am weitesten. Beim zweiten Schlag saust ein Stück Rasen hinterher- vom Schläger herausgerissen. Müller hebt es auf, setzt es zurück ins Loch- wie auf einem Golfplatz. Und scherzt: “Unser Beitrag zur Rasenpflege.” Etwas Kunstrasen haben die Golfer übrigens immer dabei- für das Spiel in der Stadt, “damit der Untergrund nicht kaputt geht”, sagt Frank Bierstedt. Der 33-Jährige erreicht zuerst den Mülleimer. Auch seine Mitstreiter kommen dem Ziel näher, in der Dämmerung sind die Bälle nur schwer zu erkennen. Umso wichtiger ist die Sicherheit. Mitten im Spiel schlendert ein Ehepaar vorbei. “Jetzt habe ich einen Schreck bekommen”, ruft der ältere Herr. ” Da muss man doch in Deckung gehen!” Eine normale Reaktion sagt Müller. “Wenn wir spielen, denken viele Leute, wir schießen sie ab.” Die Stadt-Golfer verwenden aber keine echten Bälle, sondern welche aus Schaumstoff. “Die sind weicher und springen nicht so unkontrolliert herum.” Gelegentlich klettern die Jungs auf das Gelände der alten Brauerei in Schöneweide- ihr heimlicher Lieblingsplatz. “Wenn wir dort spielen, finden wir immer echte Golfbälle”, sagt Viertel. Rund um das Grundstück liegen Straßen- fliegt der Ball zu weit, wird er zur Gefahr. Inzwischen hat sich der Himmel über Berlin verdunkelt, die Sonne ist weg. Für die drei Stadt-Golfer kein Grund, das Spiel zu beenden. Sie klemmen Knickleuchten an die Bälle, um sie in der Dunkelheit erkennen zu können. Im Kanzleramt brennt Licht, vom Gelände des Hauptbahnhofes schallt Musik. ” Dort drüben der einzelne Baum”, ruft Viertel. Er schnappt sich einen Schläger – und holt aus.

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